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Telemedizin unter der Lupe – das sind die großen Player

Patienten, die bequem von zuhause aus per Videochat oder Livestream mit einem Arzt ihre gesundheitlichen Probleme bzw. deren Behandlung besprechen können, sind in einigen europäischen Ländern (z. B. in England, Schweden aber auch der Schweiz) bereits Alltag. In Österreich ist das noch Zukunftsmusik. Grund dafür sind vor allem rechtliche Hürden – in Österreich gilt das Fernbehandlungsverbot. Das bedeutet im Klartext, dass man als Patient in Österreich zumindest einmal persönlich bei einem Arzt gewesen sein muss, um später medizinische Leistungen online in Anspruch nehmen zu können. Ein weiteres Problem sind fehlende Verrechnungsmodelle mit den Krankenkassen, es müssen erst welche dafür gefunden werden.

Die Avantgarde: Digital Health Start-ups

In England ist man auf diesem Gebiet bereits um einen großen Schritt weiter. Das Tech Start-up Babylon Health bietet virtuelle Sprechstunden, über eine App – GP at Hand, 24 Stunden am Tag, rund um die Uhr. Die Applikation bietet auch einen „Symptom checker“ – ein Chatbot, das die Symptome der Patienten über einen auf KI basierenden Algorithmus analysiert. In London nutzen bereits mehr als 52,000 Patienten das Service, der Dienst ist vor kurzem auch nach Birmingham ausgerollt worden. In einem Pilotprojekt werden die Leistungen über das NHS abgerechnet.

Das Unternehmen beschäftigt derzeit etwa 1,000 Mitarbeiter (200 Ärzte, 600 Wissenschaftler und Technologen sowie eine Handvoll Mitarbeiter in Verkauf und Marketing). Der Umsatz für das Jahr 2018 wird auf etwa $ 10 Mio. geschätzt, die Aufwendungen auf etwa $ 75 Mio. Hohe Anlaufverluste sind kein Problem bzw. im Business Plan vorgesehen. Das Unternehmen erhielt 2017, in einer ersten Finanzierungsrunde ein Kapital von $ 160 Mio. Im August 2019 hat sich der saudi-arabische Sovereign Wealth Fund mit einem Betrag von $ 550 Mio. beteiligt. Damit wird das Unternehmen mit mehr als $ 1 Mrd. bewertet, und hat damit den Status eines „Einhorns“ erreicht. Einhorn (engl. unicorn) ist die Bezeichnung für ein Start-up Unternehmen, das bereits vor einem Exit der Investoren mit mehr als $ 1 Mrd. bewertet wird.

Kry

Die Unternehmensbewertung für den schwedischen Telemedizin-Anbieter Kry liegt etwas niedriger, bei etwa $ 400 Mio. Auch Kry bietet Video-Konsultationen über eine Smartphone App an. Mit 270 Ärzten und 30 Psychologen bedient das Unternehmen etwa 3% der Patienten in der Primärversorgung in Schweden. Das Unternehmen, das 2014 gegründet wurde, zählt insgesamt 350,000 Kunden in Schweden, Norwegen und Spanien.  In einer neuen Finanzierungsrunde hat das Unternehmen heuer $ 66 Mio. aufgebracht; mit dem Geld soll die Expansion nach Großbritannien und Frankreich finanziert werden. In Deutschland bekam Kry im Februar 2018 die Genehmigung von der baden-württembergischen Ärztekammer für ein telemedizinisches Pilotprojekt. 

In Deutschland hat die Politik das Fernbehandlungsverbot vor kurzem gelockert. Neben dem genannten Pilotprojekt mit Kry hat nur das Münchner Startup TeleClinic, erst heuer im Sommer als bisher einziger telemedizinischer Anbieter die Genehmigung zur Fernbehandlung erhalten. Das Unternehmen hat seither bereits 18,000 Patienten behandelt. Insgesamt 20 private Krankenversicherungen haben Kooperationsabkommen mit TeleClinic abgeschlossen.

Ein weiteres telemedizinisches Start-up Unternehmen, Fernarzt, hat zwar seinen Sitz in Großbritannien, bietet aber sein online-Service seit letztem Jahr in Deutschland an. Hinter Fernarzt steht Heartbeat Labs, ein Investor für e-health Themen der Berliner HitFox Group. Dr.Ed, der online-Arzt, betreute schon seit vielen Jahren aus Großbritannien heraus Patienten in Deutschland, Österreich und der Schweiz online, hatte aber keinen besonders guten Ruf. Das Unternehmen hat vor kurzem seinen Namen geändert und bietet seine Dienste mittlerweile unter dem Namen Zava an. Österreich wird mit der neuen Marke nicht mehr betreut, das Unternehmen konzentriert sich auf Großbritannien, Irland, Frankreich, Deutschland und die Schweiz.

Hier noch einmal kurz zusammengefasst, wie viel Kapital diese Start-ups bisher eingesammelt haben:

(Quelle: Crunchbase)

Gut positioniert: die Arzt-Patienten Plattformen

Für das Geschäft mit der Telemedizin interessiert sich auch einer der größten Digital Health Anbieter in Europa, Doctolib. Doctolib, mit Sitz in Frankreich, aber auch präsent am deutschen Markt, ist eigentlich ein online Terminvereinbarungs-Service, das Patienten mit Ärzten und Therapeuten verbindet. Der Vorteil für die Ärzte, die an diesem Netzwerk teilnehmen, liegt auf der Hand: durch das digitale Terminmanagement soll Zeit gespart und der Patientenfluss besser gesteuert werden. Bei Doctolib sind ca. 80,000 Ärzte registriert und das Portal wird von 30 Millionen Patienten pro Monat besucht. Die Arztpraxis wird auf der Adressenliste des Portals geführt und kann über die Suchfunktion von einer großen Anzahl an potenziellen Patienten gefunden werden.  Die Arztpraxis oder die Gesundheitseinrichtung zahlt dafür eine monatliche Gebühr.

Das Unternehmen wurde vor fünf Jahren gegründet und beschäftigt heute etwa 750 Mitarbeiter in insgesamt 40 Büros in Frankreich und Deutschland. Auch Doctolib ist in das Geschäft mit Video-Konsultationen eingestiegen, seit Anfang des Jahres werden Sprechstunden per Internet angeboten, die Patienten erhalten ihr Rezept und auch die Honorarnote elektronisch nach dem erfolgten virtuellen Arztbesuch. Seit der letzten Finanzierungsrunde wird Doctolib mit über $ 1 Mrd. bewertet und zählt somit als Unicorn.

Auch der Medienkonzern Burda ist auf diesem Markt bestens positioniert: Jameda, die Ärzte-Plattform mit Terminvereinbarungs-Service und Ärztebewertung ist seit mehr als zwölf Jahren auf dem Markt und verzeichnet nach eigenen Angaben etwa 6 Millionen Besucher pro Monat auf dem Portal. Von den knapp 400,000 Ärzten in Deutschland sind 65,000 bei Jameda registriert. Rund die Hälfte von ihnen zahlen eine Gebühr zwischen 69 und 139 Euro pro Monat. Für Patienten ist das Service kostenlos.  Zwei Jahre nach dem Kauf des Video-Sprechstunden Start-ups Patientus soll dieser Anbieter nun in die Jameda Plattform integriert werden. Erst im Sommer wurde das Online Portal Netdoktor.de von der Holzbrinck Gruppe übernommen.

Spät, aber dann gleich in die Pole Position: die Krankenhausbetreiber

Auch große private Krankenhausbetreiber in Deutschland interessieren sich für den digitalen Arztbesuch. Fresenius, Rhön und Asklepios arbeiten schon intensiv an einem Markteintritt in die Telemedizin. Das könnte auch ein Mittel gegen den Ärztemangel auf dem Land sein, und diesen Unternehmen neue Umsatzquellen bringen.

Fresenius, einer der größten Krankenhausbetreiber in Deutschland hat vor kurzem eine neue Telemedizin Plattform angekündigt. Patienten könnten sich künftig über eine digitale Plattform – Helios Dialogue – einwählen und auch per Vi­deo Kontakt mit einem Arzthelfer aufnehmen, der zunächst gesundheitliche Be­schwer­den abfragt. Anschließend werde ihnen eine Videosprechstunde, der Gang in die Notfallambulanz oder zu einem nahen Facharzt empfohlen. Das Unternehmen ist als offene Plattform konzipiert, das bedeutet, dass jede Praxis und jedes Krankenhaus sich teilnehmen kann. Der Patient wird auch nicht zwingend in eine Helios-Klinik eingewiesen, sondern es wird nach der besten geeigneten Einrichtung in der Nähe des Wohnorts des Patienten gesucht.

Die Rhönklinikum AG steigt gemeinsam mit dem Schweizer Unternehmen MedGate in den Telemedizin-Markt ein, und streben dabei nichts weniger als die Marktführerschaft in Deutschland an.

…womit wir in der Schweiz wären:

Vor allem dank MedGate und Medi24 spielt Telemedizin in der Schweiz eine wichtige Rolle im Gesundheitswesen. Die Unternehmen begannen schon um die Jahrtausendwende, Beratung durch Mediziner in Call-Centern anzubieten. Nun bringen die Pioniere ihre Fernbehandlungen ­un­abhängig voneinander auch nach Deutschland. Die Ambitionen reichen ­jedoch viel weiter. Medgate expandiert ­zugleich in Südostasien. Medi24 startet demnächst in Frankreich, Italien, Spanien und Österreich.

Zurück nach Österreich, wo die Telemedizin weit zurückliegt. Hier ist zuerst einmal die Politik gefordert, die erforderlichen rechtlichen Rahmenbedingungen für Telemedizin zu schaffen.  

Quellen:

https://www.ft.com/content/582518b0-91dd-11e9-aea1-2b1d33ac3271

https://www.ft.com/content/5ea9d6d2-b2c4-11e9-8cb2-799a3a8cf37b

https://www.ft.com/content/435c7df8-6e41-11e8-92d3-6c13e5c92914

https://www.handelsblatt.com/unternehmen/mittelstand/online-sprechstunde-schwedisches-telemedizin-start-up-kry-sammelt-53-millionen-euro-ein/22676614.html?share=mail

https://www.mobihealthnews.com/content/munich-based-teleclinic-brings-796m

 

 

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